Identität und Datenpolitik

Vortragsreihe "Sicher gehts besser"

Identität und Datenpolitik

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Schöne neue Welt - Das Web 2.0?

Der Begriff Web 2.0 beschreibt keine Technologie, sondern eher ein geändertes Verhalten der Internetnutzer, das durch neue Technologien wie Ajax möglich wird. Jeder Internetnutzer wird dadurch in die Lage versetzt, über interaktive Anwendungen in Zusammenarbeit mit Anderen verteilte Inhalte im Internet zu erstellen, zu bearbeiten und weiterzugeben. Inbegriff des Web 2.0 sind Soziale Netzwerke wie studiVZ, Myspace, Facebook mit ihren Anwendungen, die der Gemeinschaft (Community) zur Verfügung gestellt werden.

Kaum ein Medium erreicht mehr Menschen, als die führenden Sozialen Netzwerke. Dies konnte Prof. Hendrik Speck in seinem Vortrag anhand von eindrucksvollen Zahlen belegen. Das Zeitunglesen oder Nachrichtenhören ist inzwischen „out“. Prof. Speck geht sogar so weit zu prognostizieren, dass es bald nur noch ein Hobby spezieller Verleger sein wird, eine Zeitung zu drucken. Die Generation der Heranwachsenden informiert sich in der Community, mit ihrer teilweise doch recht prätentiösen Sichtweise der Dinge.

Auffallen um jeden Preis, bereitwillig werden mit „Freunden“ persönliche Informationen ausgetauscht, die jeden Datenschützer erblassen lassen. Wer immer noch glaubt, das Entfernen solcher Daten sei jederzeit möglich, der irrt. Auch wenn man sich genau erinnern kann, wo man selber Daten hinterlassen hat, haben diese durch Kopien anderer Nutzer längst ein Eigenleben angenommen. Prof. Speck zeigte am Beispiel auf, wie sich aus wenigen Angaben zu einer Person deren (vermeintlich gelöschte) persönliche Daten über den ehemaligen Freundeskreis wieder beschaffen lassen. Die Sicherungsmechanismen Sozialer Netzwerke sind sehr einfach gehalten, zum Einloggen in geschützte Netzwerke wird ein Passwort benötigt. Einfach gewählte Passworte lassen sich leicht erraten, so dass Dritte in die Rolle beliebiger Personen schlüpfen können. Schon bei der Registrierung kann mit gefälschten Identitäten gearbeitet werden, da eine Überprüfung nicht stattfindet. Ein Grund für Prof. Speck anzumahnen, den Begriff Freundschaft in diesem Umfeld zu überdenken.

Soziale Netzwerke finanzieren sich über Werbeeinnahmen. Profit lässt sich dort nur machen, wenn die Benutzerschaft gehalten und vergrößert wird. Beides ist nur durch außergewöhnliche Angebote möglich. Auf Sicherheit wird bei deren Auswahl wohl weniger geachtet, als auf Benutzerakzeptanz.

Gerade die Tatsache, dass sich übers Web 2.0 sehr viele Menschen erreichen und anhand ihrer freiwilligen Angaben „klassifizieren“ lassen, macht dieses Medium perfekt fürs Marketing. Längst werden große Beträge in die Entwicklung von Softwareprodukten gesteckt, die genaue Profile von Nutzergruppen durch Korrelation der verschiedenen Informationsquellen des Webs erstellen. Derartige Sotware lässt sich auch mit anderen Intentionen verwenden.
Die logische Weiterentwicklung Sozialer Netzwerke zu Geosozialen Netzwerken macht George Orwells Utopie der totalen Überwachung, die er in seinem Roman 1984 schaurig schildert, lebendig. Es hört sich nur besser an und geschieht freiwillig: Übers Handy chatten, bloggen, Erfahrungen, Launen, Meinungen ins Internet kundtun wann und wo man will. Geortet über GPS oder WLAN ad-hoc ein Blinddate in der realen Welt mit dem "seelenverbundenen" Cyberfreund abhalten. Schöne neue Welt ...

Datenschutz - ein Bürgerrecht, für das viele gestritten haben - wird allzu leicht für ein wenig Aufmerksamkeit preisgegeben.



Zum Vortrag

Prof. Hendrik Speck lehrt an der FH Kaiserslautern im Fachbereich Informatik und Mikrosystemtechnik. Durch zahlreiche Vorträge und Medienbeiträge ist er für seine kritische Auseinandersetzung mit dem Nutzerverhalten und dem Datenschutz in Sozialen Netzwerken bekannt geworden. In seinem Vortrag an der Ruhr-Universität hat er die Verschiebungen des Grenzbereichs zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit angesichts der von Internetnutzern abgeworfenen Datenflut ausgelotet und die daraus entstehenden Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft analysiert.

Prof. Hendrik Speckexterner Link